Eigentum macht dümmer als man glaubt…

Neuer, interessanter Text über Raumraub, zu finden auf Journal-B!

und für alle, die die sozialistische Zeitung Vorwärts noch nicht abonniert haben, aber trotzdem unseren Text lesen wollen:

RaumRaub – ein Projekt für alle!

Vor zwei Monaten besetzten wir vom Kollektiv RaumRaub einen Platz, um mit der Aktion das Eigentum, die profitorientierte Stadtaufwertung und die drohende Verdrängung zu thematisieren. Auf unser Bedürfnis nach Freiraum wurde mit Repression und Einbindungsversuchen geantwortet.

Ein warmer, angenehmer Sommerabend in Bern

Anja hat gerade ihre 8-Stunden Schicht im Hauptbahnhof zu Ende. Den ganzen Tag lang musste sie am SBB-Schalter stehen und Tickets an Leute verkaufen, welche gerade auf dem Weg in die Ferien sind, während dem sie selbst erst wieder im tristen November ein paar Tage frei hat. Sie will jetzt nur noch nach Hause, ist ausgelaugt und müde. Sie läuft der Strasse entlang runter in Richtung Bollwerk, vorbei an Baustellen und Betonklötzen. Neben ihr rauschen die Autos vorbei, es riecht stark nach Abgasen. Ein Bettler sitzt mit seinem Hund am Boden, fragt nach Kleingeld für Hundefutter. Weiter vorne sieht sie ein paar Polizisten, welche gerade einen dunkelhäutigen Mann zusammenschlagen. Auf der Schützenmatte verteilen Politessen Bussen an die herumstehenden Autos. Sie sieht hässlich aus, diese Schütz, eine Wüste aus Asphalt und Karosserien. Plötzlich fällt ihr etwas auf, etwas ist anders. Unter der grossen SBB-Brücke steht ein Schiffscontainer! Viele junge Leute stehen rund herum, diskutieren, basteln, malen und machen einen lebhaften Eindruck. Interessiert schaut Anja dem Treiben zu und geht etwas näher heran. Sofort kommt eine junge, aufgestellte, rothaarige Frau auf sie zu und drückt ihr einen Flyer in die Hand. Sie stellt sich als Ronja vor. Anja überfliegt den Text. Etwas von „RaumRaub“ und „Besetzung“ steht da. Es werden die Gegensätze erwähnt, welche auf der Schützenmatte zusammentreffen. Stirn runzelnd wendet sich Anja an Ronja, welche mittlerweile mit einem gelben Farbtopf hantiert.

„Was ist das hier genau, was tut ihr da?“ Ronja taucht einen Pinsel in den Farbtopf und antwortet: „Genau das was auf dem Flyer steht, wir besetzen und beleben diesen Ort hier!“

„ Seit ihr denn von der SBB?“ Ronja lacht, legt Pinsel und Farbe zur Seite.

„Nein, natürlich nicht. Wir sind Leute denen nicht gefällt, dass ein solch grosser Platz nur als Abstellplatz für Autos eingesetzt wird, wo er doch so viel besser genutzt werden könnte.“

Raum rauben!

Etwa diese Szenerie bot sich den Passanten anfangs Juli, als wir vom Kollektiv RaumRaub einen leeren und ungenutzten SBB-Parkplatz auf der Schützenmatte in Bern besetzten. Zur Platzbesetzung holten wir einen grossen Schiffscontainer, den wir unter der Eisenbahnbrücke festschraubten. Dieser neue Raum, der sich dadurch eröffnete wurde sofort zum Anziehungspunkt. Die Nutzung des Containers war von uns her völlig offen und nicht vorbestimmt. So konnten sich alle die Lust hatten an den täglich stattfindenden Vollversammlungen über die Gestaltung des neuen Raumes und über dessen Nutzung einbringen. Bald wurde ein Kunstrasen neben dem Container ausgelegt und es fanden erste Fussballspiele statt. Die Wände wurden bepinselt und das Dach als Terrasse genutzt, an der Seitenwand wurde eine Leinwand installiert, auf dem Filme gezeigt werden konnten. Es entstand innert kürzester Zeit ein lebendiger Ort, der die Leute dazu brachte eigene Ideen und Vorstellungen einzubringen, miteinander zu diskutieren und selber tätig zu werden.

Nicht sonderlich überrascht, dennoch etwas traurig mussten wir nach fünf lebhaften Tagen zusehen, wie die SBB ihr Eigentumsrecht durchsetzen liess. Der RaumRaub-Container und das Fussballfeld, Banden, Sitzgelegenheiten, Feuerschale und der Essenstisch wurden vom Tiefbauamt unter Polizeischutz geräumt. Wie uns im Nachhinein mitgeteilt wurde, geschah dies um die „vereinbarte Ordnung“ wieder herzustellen.

Wir haben das Eigentumsrecht von Beginn an abgelehnt und mit der Besetzung bekämpft. Die Antwort auf einen, wenn auch sehr kleinen, Angriff auf das Eigentum kam sehr schnell. Der Stadt Bern und der SBB ist es lieber einen stinkenden, tristen und nicht genutzten Platz zu wahren, als uns diesen Platz zu überlassen. Das Kollektiv RaumRaub besteht aber auch ohne Container weiter und hat diverse weitere Aktionen durchgeführt, wie zuletzt am viertägigen Forum Schützenmatte, an dem es um die Neugestaltung der Schützenmatte ging.

Forum Schützenmatte – Profitstreben statt Freiraum

Die Schützenmatte ist ein Ort an dem Gegensätze aufeinander prallen. Sie liegt zwischen dem Kultur- und Politzentrum Reitschule auf der einen und dem Regionalgefängnis, trendigen Bars und der Drogenabgabestelle auf der anderen Seite. Über dem von uns besetzten Teil der Schützenmatte führt ausserdem das Eisenbahnviadukt mit fast dem gesamten Schienenverkehr des Bahnhof Berns und rund um den Platz führen stark befahrene Strassen. Genau dieser Ort ist seit längerem auf dem Radar vieler Architekt_innen und Stadtplaner_innen weltweit. An mehreren internationalen Ausschreibungen wurde über die Schützenmatte debattiert, geplant und geforscht. Nur selten bietet sich den Stadtplaner_innen ein solch zentraler, leerer Platz in unmittelbarer Nähe zum Zentrum und zum Bahnhof. Die Vorschläge gehen von Messestandort über Campus bis hin zu einem Hochhaus mit Büros und Gewerbe. Die Richtung ist also klar, die Schützenmatte soll aufgewertet werden.

Damit in diesem Spannungsfeld nichts schief läuft wurde der Planungsablauf mithilfe einer „Prozessarchitektur“ aufgegleist. In dieser Prozessarchitektur hat das Stadtplanungsamt die Schritte bis zur Umsetzung des konkreten Projekts sorgfältig ausgearbeitet. Dazu gehört auch, die Bevölkerung und Interessentengruppen mit einzubeziehen, wie dies am viertägigen „Forum Schützenmatte“ getan wurde.

Das Forum stellt einen der ersten Schritte in der Aufwertung dieses Raumes dar, deshalb weigerten wir uns daran teilzunehmen. Mit zwei Protestaktionen und einem Infostand brachten wir unsere Kritik an der profitorientierten Stadtaufwertung und somit auch am Forum ein. Die Schützenmatte soll für Investoren fit gemacht werden. Die profitorientierte Aufwertung der Schützenmatte geht mit der Vertreibung der unteren sozialen Schichten einher. So wie in der restlichen Stadt Bern werden „Alkoholiker_innen“, „Arbeitslose“, „Alte“, „Alleinerziehende“ durch – wie es der SP-Stadtpräsident einmal sagte: „Anwälte“, „Anleger“, „Ärzte“ und „reiche Ausländer“ ersetzt. Diese Stadtentwicklung, die seit Jahren vor sich geht, gilt es im Raum Schützenmatte entschlossen zu bekämpfen und dabei den Kampf auf die ganze Stadt zu erweitern. Unser Ziel ist es selbstbestimmt Freiräume zu erschaffen, welche nicht durch ein Konzept der Machthabenden beschränkt werden!

Quellen und mehr Infos:

raumraub.wordpress.com; facebook.com/raumraub

„Wem gehört die Stadt“ – http://ch.indymedia.org/media/2013/05//89719.pdf

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